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Donnerstag, April 24, 2014

Neu und alt in Jonghe (Zhonghe)

Die MRT und neue glitzernde Bürohäuser in Taipei-Jonghe

Ich bin ja ein Sammler der lateinischen Schreibweisen von dem Stadtteil, in dem "meine" Firma liegt. Soweit habe ich Zhonghe, Jhonghe, Jonghe und ChungHo, aber bestimmt gibt es auch noch mehr. Früher war es lustig die Straßenschilder kurz hintereinander auf der selben innterörtilichen Hochstraße zu betrachten, wo die verschiedenen Schreibweisen alle kurz hinterheinander auftauchten. Man spricht es übrigens meist "Dshonghwe" oder so, mit einem weichen sh und der Andeutung eines w, die erste Silbe Zhong (Dshung, Dshong gesprochen) bedeutet "Mitte". Mittlerweile geht der Trend in Taiwan zur Übernahme der Pinyin-Umschrift aus China, die das dann Zhong schreibt.


Dieses Viertel war bei mir immer völlig verhasst, ich gebe es zu. Morgentliches Frühstückholen führt mich noch immer durch enge Straßen zwischen grünen Wellblechschuppen, in denen kleine Betriebe untergebracht sind. Ohne Bürgersteige rasen LKWs und Mopeds und natürlich auch PKWs halsbrecherisch dicht an einem vorbei, die Straßen riechen nach den Ausdünstungen der schornsteinlosen Fabrikhallen, nach Moped- und LKW-Abgasen und der Straßenbelag ist oft von einer Mischung aus undefinierbarem Dreck, Hundekot (von den Wachhunden) und Betelnusspriem bedeckt. Wenn ein LKW irgendwo parkt, muss man als Fußgänger ungeschützt auf die Mitte der Fahrbahn treten.
Das ist das Taiwan, das die meisten Kurzzeitbesucher oder sogar viele Langzeiter nur mal an den Fenstern eines Taxis vorbeiziehen sehen, das aber einen gewissen Teil von meinem Alltag ausmacht, zusammen mit dem immer noch etwas schmuddeligen Militärveteranenviertel, in dem ich wohne, weil sich meine Gattin in den grauen Wohnblockgassen ihrer Kindheit so wohl fühlt. Genervte Blogpostings über die Jahre haben mir schon öfter mal den Vorwurf eingetragen, Taiwan "schlecht zu machen". Aber wie gesagt, wer nur das Hotelzimmer und innerstädtische Einfkaufszentren kennt, der hat halt eine andere Perspektive.

Aber die Taiwaner sind ein Völkchen, das ist ihr Land noch permanent verbessert. In so fern hat sich das Problem mit meinem heimatlichen Wohnviertel NeiHu schon fast erledigt. Die meisten Häuser in meinem Wohnviertel sind renoviert, auch durch Eigeninitiative und Umbau der Wohnungseigner, so dass sie manchmal schon besser aussehen als die Wohnscheiden in meiner niedersäsischen Heimatstadt. Und viele Schmuddel-Wohnblöcke sind längst durch Büroviertel mit breiten Bürgersteigen und sogar eine Porsche- und eine Bentleyvertretung ersetzt worden. Ich weiß, es klingt wie ein böser Scherz, Bentley statt billigem Wohnraum.

 Aber auch im Industriegebiet ist der Wandel rasant. Der mysteriöse gelbe Quadratbau ist die Halterung für eine Schwebebahn, denn Schwebe- und U-Bahn werden in Taipei immer noch massiv ausgebaut, was über die Jahre den Verkehr deutlich reduziert und die Luft verbessert hat. Und viele Brackenhallen in der Nähe meines Arbeitsplatzes sind weggerissen und durch schicke Parks, breite Bürgersteige und klinisch-reine Bürotürme mit schicken Cafés ersetzt worden. Ich weiß, dass die kleinen Betriebe jetzt keinen Platz mehr haben, aber als morgentlicher Fußgänger ist es halt viel angenehmer, im Café von der netten Taiwanerin ein Bagle-Ding und Kaffee entgegenzunehmen zu Sinatra und Bossanova vom Band, als vor LKWs in Deckung zu gehen und in Hundekot zu treten. Ich gebe zu, da habe ich klare Präferenzen und mir gefällt die Umgestaltung von Taipei.

  Hier sieht man die neuen Bürotuürme und links den neuen Park, da wo früher verfallene, verrostete Wellblechhallen waren. Und Hallelujah, ein breiter Bürgersteig zusätzlich zum schmalen alten. Rechts wird die Trasse der Schwebebahn gebaut, auf der ich dann vielleicht künftig einschwebe ohne Auto.

Auf der rechten Straßenseite sieht man noch die alten Wellblechhallen. Die wären ja nicht so schlimm, wenn sie Bürgersteige davor hätten und nicht die ganze Gegend einsauen und in ein Spucke- und Spring-vor-dem-wilden-LKW-in-die-(nicht vorhandene)-Gosse - Abenteuer verwandeln würden. Taipei verfällt hier von einem Extrem zu anderen und reißt immer mehr von dem alten Zeug weg, aber ändern könnten sich die Kleingewerbetreibenden da wohl auch nicht.

Sicher ziehen die Betriebe dann wohl an den Stadtrand um. Als ich jedenfalls gerade die Aufnahmen machte...

... sah ich wieder die Folgen eines der zahlreichen Mopedunfälle, die man auf dieser Straße immer wieder sieht. Der Mopedfahrer hier war offenbar im Bauzaun hängen geblieben. Richtig gefährlich wird es, wenn man weiter nach links fährt, dann mündet die Straße auf eine riesige Kreuzung, auf der von den mindestens 4 konkurrierenden Fahrbahnen zwei gleichzeitig Grün bekommen, die sich dann im spitzen Winkel treffen. Da muss man mit äußerster Vorsicht durchfahren und hört immer wieder diesen Knall der Kunststoffverkleidungen, wenn die Mopeds aufeinander scheppern und dann die Schmerzensschreie der Leute. Aber bestimmt ändern sie das auch mal. Dann, wenn sie anfangen, die Standup-Comedy in Taiwan zu entdecken und die Komiker aus der Straßenverkehrsbehörde an die TV-Sender und Bars vermitteln ;-)

Bis dahin freue ich mich über das heranwachsende neue Taipei. Und wer sich darüber politisch korrekt aufregt, von wegen zu wenig Wohnraum und kein Platz für Kleinbetriebe, der muss halt bedenken, dass sie oder er vermutlich einen Bürgersteig für etwas Selbstverständliches hält. Taipei Go go go, lass die Abrissbirne Überstunden machen oder den Blechschneider - und vergiss nicht die Sache mit den Verkehrskomikern. Und zum Abschluss noch...

... neben diesem Bild von Alt und Neu in Zhonghe ein paar Bilder vom vergnügten Sonnabend in einem Einkaufszentrum in Taipei-NeiHu.... um den negativen Spin der letzten Artikel etwas Positives entgegenzusetzen. Im Blog schreibt man eben oft über Negatives, das einem auffällt und nicht über den positiven Alltag.


Karussell, Riesenrad und derlei Entertainment für Junior ganz in der Nähe vom Wohnort, in 5 Minuten per Taxi zu erreichen.

Inklusive Life-Musik.

Miranmar-Einkaufszentrum, Taipei Neihu.

Fototechn. Notitzen:
Fotos aus freier Hand mit Kompaktkamera Casio Exilim Z11 oder Exilim Z1000 (unten), auf die ich kürzlich upgegradet habe (36 Euro bei Ebay, Neupreis 2006 noch 320 Euro, es lebe Ebay!) 

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Und sich gleichzeitig über teuren Immobilienpreise beschweren!

sagt HyppoKritik

Xinxi hat gesagt…

Inzwischen entdecken westliche Architekten "organische" (vernacular) Stadtplanung (wieder), also dass, was hier in Taiwa vielerorts abgerissen wird. Hinter dem Schlagwort verbirgt sich die Idee, die strenge Trennung zwischen den verschiedenen Zonen aufzuheben. Wohnblocks mit zwei oder drei Nutzweisen sind wieder groß im Kommen, also z.B. Wohnviertel, die auch Geschäfte und einige Arten von Firmen erlauben.
Bei uns in Kaohsiung sind viele der ganz neuen "In"-Viertel echt zu einseitig. Nur Wohnen oder nur Kunstgallerien plus Cafés.

Dunkelangst hat gesagt…

Beim Anblick deiner Bilder bekomme ich Heimweh. Darf man das als Ausländer eigentlich so sagen? Wie auch immer, ich vermisse Taiwan.

"Ludigel" hat gesagt…

Scherzhaft könnte ich fragen: Welches, das alte oder das neue? Ich finde es verblüffend, wie schnell sich alles ändert hier. Hochhäuser wachsen mit der Geschwindigkeit von... von den magischen Eicheln bei Asterix und Obelix, könnte man meinen (Eichel abwerfen und schon ist der Baum da). "Wieso, dauert das sonst länger?" fragte Obelix da.
Interessante Neuigkeiten auch bei Dir im Blog ;-)

Dunkelangst hat gesagt…

Zitat von Ludigel: "Interessante Neuigkeiten auch bei Dir im Blog ;-)"

Keine Ahnung! Bez. meines Besuches aus Taiwan (mein neuester Beitrag), lasse ich das mal auf mich zukommen. Irgendwie bedeutet mir das Mädel schon sehr viel, wie man sicherlich merkt...

Ich bin jedenfalls froh, dass ich mir bei Dir mitunter auch immer einen Rat holen kann. :)

Und ich hab immer noch Heimweh bei den Fotos von diesem Beitrag. Obwohl sich da schon so viel verändert hat. :)

Viele Grüße!