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Donnerstag, Dezember 20, 2012

Kulturvergleich: Deutschland vs. Taiwan

"PK" nennen es die Taiwaner, wenn sie zwei Leute gegeneinander antreten lassen. Etwa Sänger bei einer Art "Taiwan sucht den Superstar" im Fernsehen. Manchmal schreiben sie dann "Tracy vs. James", manchmal aber auch "Tracy PK James", mit lateinischen Buchstaben (viele Sänger etc. haben englische Kampfnamen). Meine Frau war verblüfft, dass ich das PK nicht kenne. Sie erklärte mir es sei eigentlich ein "Internet-Flame-War" zweier Leute gegeneinander. Also wenn Heini der Lieselotte ins Blog schreibt sie eine dumme Ziege und sie zurück schreibt er sei ein doofer Affe. Meiner Recherche nach kommt der Begriff aus China und ist eine lateinisch-geschriebene Abkürzung eines mandarinchinesischen Doppelwortes für diesen Internet-Flame-War, kein Wunder also, dass wir Westler diesen "englischen" Begriff nicht kennen.

 Ja, ja, bei "feminine Gruppenkultur in Asien" denke ich auch immer an obiges...

So wie Taiwan seine eigenen pseudowestlichen Worte hat, so hat es auch seine eigene Kultur und um ein PK oder ein Versus solle es hier nicht gehen im Kulturvergleich Deutschland, wohl aber um einen vergleichende Gegenüberstellung. In zwei Beispielen aus dem Alltag, damit es sich nicht so trocken liest und niemand mit dem Kopf auf die Schreibtischplatte knallt beim Lesen.

Szene 1: Eine High-Tech-Firma hat ein neues Produkt erfolgreich verkauft; die Belegschaft wird gewürdigt. Sie Szenen sind fiktiv, aber aus dem aggregiert, was ich in Deutschland und Taiwan oft so ähnlich erlebt habe.

Deutschland: Die Softwarebude Bubbletech.com hat ihre neue Softwaresuite fertiggestellt und teuer an einen Großkunden verkauft. Der CEO und der Vertriebschef der 50-Mann (und 8-Frau)-Bude bittet die Belegschaft per Email spontan in den großen Meeting-Raum. Es gibt Sekt, Bier und heiße Würstchen. Der CEO hält eine Rede, preist den Fortschritt, den "die Company" in diesem Jahr gemacht hat und führt aus "Ich sehe eine bright future ahead of us, Leute. Wir sind die cream of the cream in userem Sektor, wir sind der First Player und streben ganz nach oben. Above us is the sky and the sky is no limit. Wir wollen höher und höher und ich sage hier nochmal, das ist das Ziel und da müssen alle fest mit anpacken im nächsten Quartal, damit wir unser Advantage weiter ausbauen!" Beifälliges Nicken. Dann trifft Thomas Klotz ein, der Starprogrammierer von Bubbletech. Beifälliges Raunen aus der Belegschaft. Der CEO begrüßt Thomas herzlich, doch da drängt ihn der Vertriebschef Richard Händler zur Seite, fällt dem verblüfften Thomas um den Hals und führt aus:

"Hier ist er unser Star, der Thomas. Thomas hat nächtelang programmiert um die Sofwaresuite fertig zu stellen, programmiert wie ein Weltmeister. Thomas war wieder spitze!". Thomas lächelt und sagt "ach was, ich habe doch nur ein bisschen die Tasten gedrückt", in einem speziellen pseudo-bescheidenen Tonfall, den er für solche Momente reserviert hat. Alles johlt und lobt ihn, nur die anderen 8 Programmierer, die an dem Projekt mitgearbeitet haben, tuscheln und sehen unzufrieden aus. "Und verkauft haben wir das zu super Konditionen", fährt der Vertriebschef fort. "ICH selbst habe die Konkurrenz weggeboxt wie Chuck Norris!" Er führt Schattenboxen vor und rollt mit den Augen. "ICH habe den Konkurrenten von Pactec zur Seite gefegt wie nix, diesen Blender!" Er fährt noch eine ganze Weile mit der Selbstbeweihräucherung fort, lobt dann fast schon gebetsmühlenhaft "die Company", dann noch einmal Thomas "und den Rest vom Team". Dann stürzen sich alle auf Bier, Brause und Würstchen.

Was fällt auf an der Szene? Man sieht richtige Egomanen! Der CEO spricht zwar nicht von sich selbst, präsentiert aber einen Plan für "die Company" in typischem Management Denglisch-Kauderwelsch, verbunden mit der unterschwelligen Androhung von Konsequenzen, wenn man da nicht "mitzieht", dass kein Zweifel besteht, wer hier das Sagen hat.
Der Vertriebschef lobt sich selbst ausgiebig und tritt maskulin-Dominant auf, mit entsprechenden martialischen Gesten und Vergleichen, die natürlich zur Entschärfung etwas ins Komische gezogen werden. 
CEO und Vertriebschef loben ein Individuum aus der Programmierergruppe und loben "den REST vom Team" nur floskelhaft. Individuen sind hier alles und Individuen sind dominant und treten aggressiv auf oder sind so über allen Zweifel erhaben, dass sie das nicht nötig haben (Thomas, der Starprogrammierer). 

Wie wäre die gleiche Szene in einer taiwanischen Firma?

Taiwan:
Das Computerhardware-Unternehmen "Glory Star Road to Fortune" Co. Ltd., auf Englisch nur kurz "Hitec Co, Ltd." genannt, hat ein neues piepsendes blinkendes Computerding fertiggestellt, das Fingerabdrücke lesen, wireless-Surfen und den Kaffee kochen kann. Oder irgendwas anderes mit USB 3.0-Anschluss. Gab's von Panasonic schon letztes Jahr, aber das Ding von Hitec ist billiger und der Kaffee schmeckt sogar etwas besser. Das Produkt wurde an einen deutschen Großhändler verkauft, das Unternehmen ist zufrieden.

Der Vertriebschef Lee Wingwong hat einige Key-Player in den Besprechungsraum geladen. Es gibt Domino-Pizza und Cola, schließlich ist man eine internationale Company. Fünf Ingenieure aus dem großen Hardwareteam sind versammelt, auch ein einsamer Softwaremensch und die Chefin vom Testteam (zu der Lee ein besonders gutes Arbeitsverhältnis pflegt). Lee lobt mit sanfter, ruhiger Stimme die Leistungen der Firma im vergangenen Jahr, hält einen längeren Exkurs, wie er immer wieder das Beste für die Firma rausgeholt hat im letzten Jahr und die neue Produktlinie zum Wohle der Firma erfolgreich am Markt platziert hat und deutet dann eine kleine Verbeugung mit vor der Brust verschränkten Händen zum Hardwarteam, dem Softwaremenschen und der Testteamleiterin an und bedankt sich für die gute Zusammenarbeit. Dann geht es an die Pizza.

Was fällt hier im Vergleich auf? Erstens, der CEO ist nicht da. Auch wenn Hitec eine kleine Firma ist, ist der CEO eine Art Halbgott, der auf so einer Massenveranstaltung nie auftreten würde. "President", nennt man ihn übrigens. Der Vertriebschef hat auch nur seine Keyplayer eingeladen, die er entweder für besonders wichtig für die Firma hält oder zu denen er ein persönliches strategisches Verhältnis hat: Taiwaner denken in Netzwerken. 
Der Vertriebschef ist natürlich auch etwas forsch, das liegt an seinem Job und lobt sich ausgiebig selbst, aber nicht so martialisch wie sein deutscher Kollege und lässt immer wieder das Team und die Firma einfließen ins Lob. Taiwaner sind Gruppenmenschen, das Individum kommt erst danach. Daher lobt er auch nicht den Staringenieur Chen HongWong, sondern  das gesamte Team. Einzelne vor der Gruppe herauszustellen wird als peinlich empfunden! Am Rande der Veranstaltung wird der Vertriebschef aber Chen HongWong ausgiebig loben und sich bemühen, sein strategisches Verhältnis zu Chen zu vertiefen in der Zukunft. Eventuell kann er ja mit Chen und ein paar seiner Ingenieure zusammen in die nächste Firma wechseln, die ihm schon ein Angebot gemacht hat. Wer weiß.


Szene 2: Ein Vermieter hat einem Mieter einen Zwei-Jahres-Vertrag gegeben,  will aber die Wohnung wegen Eigenbedarf vorzeitig selbst nutzen.

Das ist das, was ich dieser Tage erlebt habe, ich gebe es zu.

Taiwan:

Der Vermieter, 72 Jahre, ruft den Mieter an und teilt ihm mit, er möge die Wohnung baldmöglichst verlassen. Nach kurzen Worten und einem Umstimmungsversuch knickt der Mieter ein und sichert zu, sich schnell nach einer neuen Wohnung umzusehen. Schließlich ist der Vermieter ein alter Mann und muss respektiert werden.


Deutschland:

Der Vermieter, 72 Jahre, surft eine Weile per Google durch Mietrechtsseiten, um seine Rechtsposition abzuklopfen. Weil er sich nicht sicher ist, ob er vorzeitig kündigen kann oder nicht, konsultiert er seinen Anwalt, der ihn informiert, im Mietvertrag gebe es eine Sonderklausel, die eine eigentlich per Vertrag ausgeschlossene vorzeitige Kündigung erlaubt, insbesondere in Kombination mit Paragraph X und Y des Mietrechts und einer Grundsatzentscheidung des BGH aus dem letzten Jahr. Der Vermieter ruft daraufhin seinen Mieter an, informiert ihn über seinen Wunsch. Der Mieter ist sehr reserviert am Telefon und surft erst mal durch gängige Mietrechtsseiten, um seine Rechtsposition abzuklopfen.


Was fällt hier im Vergleich auf? In Taiwan spielt der soziale Status des Vermieters bei dem Vorgang eine Rolle, i.d.F. sein Alter, das Ehrerbietung verlangt. Außerdem spielt sein Verhältnis zum Mietobjekt eine Rolle: Er ist der Eigentümer, daher kann er darüber verfügen. Rechtsnormen oder Verträge spielen eine so geringe Rolle, dass sie von den Parteien nicht mal bedacht werden. Schließlich geht man in Taiwan sowieso nicht vor Gericht sondern regelt seine Angelegenheiten selbst. Man weiß ja, dass Gerichte manchmal beide Seiten bestrafen, wenn eine Klage geführt wird und es schickt sich sowieso, dass Familien ihre Angelegenheiten selbst regeln, statt nach dem Staat zu rufen. Wer seine Angelegenheiten nicht selbst regeln kann, verliert sein Gesicht!

In Deutschland hingegen spielt der soziale Kontext direkt keine Rolle. Auch die Tatsache, dass der Vermieter der Eigentümer ist, gibt ihm nur dann Verfügungsgewalt, wenn sie in Gesetzestexten, ihrer Auslegung, oder im Vertrag widergespiegelt wird. 

Wissenschaftlich:

Geert Hofstede (http://geert-hofstede.com/hat das alles in eine Form gebracht: Deutschland ist wie die meiste westliche Welt eine maskuline Individualkultur, die wenig kontextsensitiv ist, d.h. hier stellt sich das Individuum heraus, auch über oder gegen die Gruppe, aggressives Auftreten bringt Vorteile und die soziale Beziehung von Menschen oder Dingen zueinander regelt fast nichts. Alles bedarf schriftlicher Normen, um handlungsfähig zu sein.

Taiwan hingegen ist wie auch China eine feminine Gruppenkultur mit hoher Kontextsensitivität, d.h. hier kommt zuerst die Gruppe, aggressives Auftreten wird leicht als asozial wahrgenommen und pflegende und hegende (konstruktive!) Eigenschaften und entsprechendes Auftreten bringen Vorteile. Verträge oder Gesetze sind zweitrangig, weil der soziale Kontext von Menschen und Objekten schon fast alle Information mit sich bringt, die die Handelnden wissen müssen.

Faszinierend finde ich: Japan hingegen ist eine "maskuline Gruppenkultur" mach Hofstede. Also eine Kollektivkultur, die aggressive Werte fördert! Das klingt wie eine Art Kampfkollektiv, Wehrsportgruppe Fukuyuku, aber ein Japanexperte bin ich wahrlich nicht.


Zu platt? Zu klischeehaft? Habt Ihr selbst ganz anders erlebt? Dann gebt mir Zunder in den Kommentaren, und dem Geert H. sowieso!

LINK:
Hofstede-Balkendiagramm mit Länderauswahl: http://geert-hofstede.com/taiwan.html

Kommentare:

MKL hat gesagt…

Brilliant geschrieben. Was ich immer wieder beobachte ist das Taiwaner stets nach Harmonie suchen bei der Arbeit. Es wird viel hinterrücks gelästert und kritisiert, wenn man aber was sagen oder tun soll, dann lassen sie es lieber. Man ist nicht gerne verantwortlich für Sachen wie z. B. neue Projekte, die nicht sicher sind, ob sie gut ausgehen oder nicht.

Es ist auch sehr oft schwierig nötige Änderungen durchzuführen, wenn inkompetente Leute, die der Firma schaden, gute Beziehungen haben. Alles funktioniert hier mit Beziehungen (guanxi) und Gesicht (mianzi). Es ist oft sehr frustrierend für mich als Westler in so einer Umgebung zu arbeiten, weil ich einerseits immer "waiguoren" bin und nicht ganz der Gruppe angehöre, andererseits muss ich aber immer aufpassen, dass ich mich der Gruppendynamik nicht zu sehr entferne.

Hast du auch Kollegen, die untätig im Büro sitzen nach 19 Uhr um dem Manager zu zeigen, dass sie alles für die Firma geben, also für ein gutes Gesicht?

"Ludigel" hat gesagt…

In der Tat, bis 22 Uhr im Büro sitzen, Filmstar Anne Wingwang im Bikini als Desktopbild auf der Kiste daddeln oder surfen/chatten. Gilt als Einsatz zeigen. In meiner vorherigen Firma, die Freizeitausgleich hatte, hatten die Leute so riesige Freitagekonten aufgebaut, hier bei uns geht das allerdings nicht.

Anonym hat gesagt…

Apple klaut dir jetzt garantiert die Idee und dann wird es ein Megamilliardenmarkt. Wireless Kaffeemaschine. Braucht kein Mensch, genauso wenig wie einen Tablettcomputer, aber wenn Apple draufsteht...

"Ludigel" hat gesagt…

Und gesichtert gegen unbefugte Benutzung! iCoffee iSecure, für den iUser! Mann, ich wünschte, ich würde wider Marketing machen in so einer kleinen taiwansichen Mistbude. Ups... never mind, nicht das die Götter meinen Wunsch erhören.

Anonym hat gesagt…

Der Kollektivismus und das Von-Hinten-Rum-Quer-Durch-Die-Brust-Verhalten ist in Taipei angeblich besonders stark ausgepraegt. Liegt vielleicht am Einfluss der ganzen Politiker und Manager dort. Hier im Sueden Taiwans habe ich recht durchsetzungsstarke Individuen in rauhen Mengen erlebt. Schliesslich sind die meisten alteingesessenen Taiwanesen Nachkommen der wildesten Rebellen, Piraten und Haendler. Deshalb haben ganz viele Familien auch KEIN chinesisches Familienstammbuch, das Jahrhunderte zurueckreicht. Man will gar nicht wissen, welche Gestalten in der Ahnenreihe so rumhaengen...

patrick_secret hat gesagt…

nett geschrieben fehlt nur noch der Vergleich Ehefrauen in Deutschland / Taiwan ;-) aber dazu bräuchte man sicher mehrere Wochen...

Anonym hat gesagt…

... und mehrere Vergleichsobjekte, hier Ehefrauen. Also, wer gibt Ludigel seine bessere Hälfte zum ausgiebigen Test ab?

"Ludigel" hat gesagt…

Gut, im Interesse des Bloggens frage ich mal meine Frau, ob ich mal für eine Woche die eine Kollegin hier ausleihen kann, die immer noch keinen Freund hat mit über 30 und auf der Suche ist. Im Interesse der Kulturpädagogik sage ich.

Feuerfester Anzug natürlich vorausgesetzt. Zwischen zwei Drachen, na das wäre was...

Klaus hat gesagt…

Wunderbarer Text, danke! Bei Deiner Gegenüberstellung der beiden Firmen musste ich gerade so lachen, dass die vorbeilaufende japanische Mitstudentin angestrengt weggeguckt hat.
Und: Ja, bitte eine Fortsetzung über Ehefrauen.

Anonym hat gesagt…

In Asien zählt immer die Masse, nicht das Individuum.
In Asien wird auch niemand hervorgehoben oder gelobt für seinen persönlichen Einsatz, weil es sonst nur Neid und Missgunst der Anderen verursacht.

Liebe Grüße aus den schönen Bayern.

Michael