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Dienstag, Mai 02, 2017

Mein Stuhl, mein Schreibtisch, mein Zimmer (wo ich nie war)

Sachen geholt aus dem gemieteten Haus in Manila. Ein trauriges Treffen auf eine alternative Welt


Ende letzten Jahres zog es meine Frau massiv in die Philippinen. Dort lebt ja ihre Schwester, die mit einem chinesischstämmigen Philippino verheiratet ist. Schnell war von ihr eine weitestgehend soziale und finanzielle Fusion vollzogen. Was sich in gemeinsam gekauften Immobilien, einem gemeinsam eröffneten Restaurant und gemeinsamen Verkaufskiosken äußerte, die an das Geschäft der lokalen Familie angeschlossen waren. Meine Frau stand all diesen Projekten sehr optimistisch gegenüber, ich hingegen eher pessimistisch. Nun waren wir wieder in Manila, um das dort noch bis Jahresende gemietete Reihenhaus auszuräumen. Es war ein bisschen traurig. Ich sah das für mich eingerichtete Zimmer in dem Häuschen. Voll mit meinem Zeug, als hätte ich dort wirklich gelebt. Was ich nie getan habe. Ich fand meinen Single Malt Scotch im Schrank, meine Schokolade und Salami im Kühlschrank etc. Ich sah das erste Mal in Person das Sofa, das ich so oft im Videochat gesehen hatte. Auf dem mein Sohn mich immer gefragt hatte, wann ich endlich auf die Philippinen kommen würde.



Es ging nicht. Ich war noch mit der Nachlassregelung für meinen gerade zum Umzugszeitpunkt auf die Philippinen verstorbenen Vater beschäftigt. Ich wollte auch nicht. Auf den Philippinen ziehen derzeit Todesschwadronen durch die Gegend, die angeleitet vom Präsidenten Jagd auf vermeidlich Drogensüchtige machen. Auch Ausländer sind dem schon zum Opfer gefallen. Einmal geplant (eine Britin mit philippinischem Pass und Verstrickung in Bordelle und Drogen) und einmal ungeplant (ein mit vorgespielten falschen Anschuldigungen von der Polizei entführter und ermordeter Koreaner). Man kann schwer zwischen geplanter illegaler Tötung und ungeplanter unterscheiden, wenn einmal Todesschwadronen auf höchsten Befehl per pauschaler Amnestie durch das Land ziehen.



Außerdem führte die starke soziale Verstrickung mit der lokalen Verwandtschaft dazu, dass ich selbst von jedweder Planung des eröffneten Restaurants ausgeschlossen war. Schließlich kennen die dortigen Leute die Verhältnisse viel besser. Am Ende war dann die Planung so südlich-locker und sinnfrei, dass es kein Wunder war, dass ich die Reste des gescheiterten Restaurants in Form von Schildern und Kochstelle dort besichtigen konnte.



Mich hat die Verwandtschaft dort nett umsorgt, mit Kuren für meine typischen Touristenleiden. Ich denke, dass ich mir wegen der gemeinsam gekauften Immobilien zu viel Sorgen mache. Trotzdem fühle ich mich mit meiner Skepsis bestätigt. Manila ist kein Ort an dem ich lange sein will.

Wer findet die ROC-Flagge?

Mich verschreckt auch dieses Land. Ein mordender Präsident (Präsident Duterte brüstet sich selbst mit eigenhändig begangenen Morden), der mit Todesschwadronen regiert (denen auch Kinder zum Opfer fallen!) hat dort Zustimmungsraten, die in den Himmel schießen. Ein Menschenleben zählt dort nichts, hört man immer wieder. Ich sah selbst einen etwa sechsjährigen Jungen mitten im Zentrum Schusterleim aus einer Plastiktüte schnüffeln, während ich mit meinem eigenen Fünfjährigen auf dem Arm direkt an ihm vorbei ging. Mein Sohn quengelte weil er schlafen wollte, der Sechsjährige sah uns mit apathischen und traurigen Augen hinterher. "Enttäuschung" ist wohl das Wort, das den Blick am besten beschreibt.



"Für Gott, die Menschen, die Natur und das Land" ist das Nationalmotto der Philippinen. Wir betreiben da jetzt einen tatsächlich irgendwie laufenden Verkaufskiosk, der drei Arbeitsplätze geschaffen hat. Das können vielleicht noch mehr werden. Aber mein Land sind die Philippinen nicht.

Schade um den zurückgelassenen Single Malt.


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