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Donnerstag, September 13, 2012

Das Landhaus der Verstoßenen

Spätabends um 10 auf dem Lande in Nordtaiwan, Landkreis Taoyuan, etwa 45 km von Taipei.

Ein Auto braus heran, hält auf stockdunkler Straße neben einem alten Bauernhof. Merkwürdiges Kennzeichen.

Nur die Straßenlaterne war Zeuge, als ein Ausländer aus dem Auto steigt und sich dem alten Bauerhaus nähert....

Er nähert sich einem vergitterten Fenster. Was wird dahinter in dieser dunklen Nacht zu finden sein?

Nun, ginge es nach den gängigen Asien-Vorstellungen deutscher Fernsehzuschauer, müssten da kleine Kinder darben, die billige Textilien herstellen oder dergleichen, aber hier findet man .....


.... siehe unten ...



.... man glaubt es kaum ...


... lauter Hunde in einem alten Bauernhaus. Wo früher einmal Bauer und Bäuerin Ling das hübsche Bild an der Wand bewunderten, sind heute 60 ehemalige Straßenhunde untergebracht.

Es handelt sich hier um eines der nirgends dokumentierten (inoffiziellen) privaten Tierasyle in Taiwan. Diese funktionieren so, das Privatleute einige der zahlreichen Straßenhunde Taiwans retten, diese dann beim Tierarzt auskurieren und dann gegen etwa 2000 NT monatlich (etwa 50 Euro) pro Hund in einem solchen Tierasyl meist dauerhaft unterbringen. Die Betreiber leben entweder davon oder schreiben mit dem Asyl eine schwarze Null oder bezuschussen die Anlage mit ihrem Privatvermögen. Dokumentiert und untersucht sind solche kleinen Hundeplätze nirgends, weil man bei Straßenhundrettung immer an große Organisationen denkt. Nirgends? Nun, in der MBA-Arbeit meiner Frau für eine Uni in England schon (eine sogenannte "Dissertation" zur Erlangung des Master of Business Administration). Dabei hat meine Frau recherchiert, dass die Hundefarmen Profit machen, die eine Fremdhundquote von 80% oder mehr haben (Fremdhunde werden halt mit den erwähnten 2000 NT gesponsort), während die Betriebe die drunter liegen eher ins Minus gehen. Viele Betreiber dieser Stationen retten so viele eigene Hunde, dass sie mit ihren Stationen nie ins Plus kommen können, was aber meist auch nicht das Ziel ist.

Diese Station hier hatte bislang eine schwarze Null, könnte aber langsam auch schon im Plus liegen, weil sie sich vergrößert hat. Manchmal erliegen die Betreiber dem Lockruf des Mammon und bringen die Hunde in kleinen Boxen unter, da kennen wir auch eine solche Station. Einst haben Frau und ich ja eine eigene Hundrettungsorganisation betrieben und mit dieses Stationen zuammengearbeitet, aber Sohn und Job erlauben das derzeit nicht mehr.

Hier ist alles OK, es gibt zwei Rudel auf der Station (Korrektur: wohl 3 mittlerweile), jedes hat die Hälfte des Landhauses zur freien Verfügung (Korrektur: das dritten eine Scheune), die Betreiberin schaut nur tagsüber mal ein paar Stündchen vorbei, nachts sind die Hunde allein im Landhaus. Von ausländischen nächtlichen Besuchern mit einem Sack voller Leckreien abgesehen.

Sie können auch jederzeit raus, jedes der beiden Rudel hat einen eigenen großen Garten. Erst wollten mich alle umbringen, als ich nächtlich am Fenster stand, knurren und Zähne. Doch dann hat mich das Leittier freundlich in Empfang genommen und sie haben alle einen Knochen mit Fleisch dran bekommen, schon war ich ihr bester Freund. Das Leittier ist der Husky in der Mitte, der nebenbei bemerkt mein Privathund ist, den wir hier vorerst untergebracht haben, seit wir vom Lande in die Stadt gezogen sind. Er fühlt sich hier sehr wohl, genau wie unsere Hündin, die Labradordame an der Kette (Betreiberin sagte sie hätte vergessen, sie abzumachen nach der Fütterung: Kontrolle ist immer gut!). Die Hündin war einst eine "Wurfmaschine", ihr Leben lang auch an der Kette gehalten zur Produktion von Rassehunden und war von ihrem Besitzer bei uns in der Straße damals ausgesetzt worden - ich hatte ihn noch mit dem Moped davonfahren sehen. Die Hündin war anfangs so stackelig, dass sie beim Gehen umgefallen ist. Als ein paar Wochen später der Mopedmann noch mal aufkreuzte und ich mit der Hündin gerade Gassi ging, wollte sie ihn zähnefletschend umbringen - da ist er schnell davongefahren, der nette Herr Hundezüchter.

Eigentlich kann die Hündin jetzt aber frei im Rudel laufen, ich kontrolliere das diese Woche noch mal. Wieder mit Knochen und Leckereien im Gepäck, irgendwo auf dem Lande am Tellerrand der Weltscheibe, wo ausgediente Schmusehunde in einem alten Landhaus leben.

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